Kumbanahera

Kumbanahera In einer Zeit als wir noch nicht die Tage zählten, und die Nacht nichts weiter war, als die Ruhe des Tages; da beschlossen die Vier den Menschen die Träume zu schenken.
"Wir, geeint im Geiste - geeint im Sinne - geeint im Wort - geeint im Handeln. So wollen wir den Menschen, die uns anbeten, schenken nachts den Lohn für ihr Tagwerk."
So schufen die vier Götter aus ihren Wesenheiten einen Geist, der in ihrem Auftrag den Menschen die Träume bringen soll. Damit er die Sterblichen besser einschätzen könne, gaben sie ihm das Wissen über Gut und Böse, und einen freien Willen.
"Angra Mainyo soll dein Name sein. Und einem jedem Menschen wirst du den Traum geben den er sich durch seine Taten erworben hat."
Fortan stieg Angra Mainyo jeden Abend nach Anbruch der Dunkelheit zu den Menschen herab um seine Aufgabe zu erfüllen. Und über Generationen hinweg gab er die Botschaften der Götter in jeglicher Form weiter; sei sie wohlwollend oder strafend. Doch dann begann er mehr und mehr schreckliche Albträume zu senden, und immer weniger schöne und gute.
"Diese armseligen Menschlein; ihr Sinn steht nur nach essen, schlafen und vermehren. Was soll an ihnen so edel sein? Ihr Neid? Ihre Habgier? Ihre Wollust? Ihr Hass? Welchen Gedanken schenken den Vieren? Keinen mehr als nötig. Ich will sie lehren, das Göttliche zu achten. Zittern und beben sollen sie vor meiner Gabe; schweißgebadet in der Nacht aufwachen und um Gnade flehen!"
Und so geschah es. Männer, Frauen, Kinder und Greise - keiner blieb verschont von den quälenden Albträumen. Ein jeder hatte Angst nachts einzuschlafen. Und so beteten sie zu den Vieren, sie mögen Erbarmen zeigen.
"Wir, geeint im Geiste - geeint im Sinne - geeint im Wort - geeint im Handeln. Angra Mainyo einst wir dich schufen in der Absicht, die Menschen für Rechtschaffenheit, Güte und Edelmut zu entlohnen. Doch nun flehen sie uns an, keine Träume mehr zu schenken. Du bist unser Geschöpf, erkläre dein Handeln, Angra Mainyo!"
"Ihr Vier, untertänigst will ich um Entschuldigung bitten. Seht ihr nicht die Lästerlichkeit dieser Wesen aus Fleisch und Blut? Verdorben sind ihre Gedanken und unrein."
"Angra Mainyo wir gaben dir die Fähigkeit über Gut und Böse zu unterscheiden. Entscheide weise! In Wohlwollen wir es dir raten."
Doch Angra Mainyo spürte welche Macht er dadurch über die Sterblichen hatte und es bereitete ihm Freude diese auf so grausame Weise auszukosten. Aber das war ihm noch nicht genug: Gefürchtet und verehrt wollte er sein - angebetet so wie die Vier - jedoch als Symbol der Macht und des Schreckens. Damit man ihn sehen konnte, nahm er die Gestalt eines riesigen schwarzen Drachen, mit blutroten Augen an. Seine Form war schemenhaft wie ein Traum und sein Atem kalt wie eine eisige Nacht. Mit seinen Flügeln trieb er dunkle Wolken über das Land, um das verhasste Sonnenlicht zu verbannen. Dunkelheit und Kälte breitete sich aus. Angsterfüllt flohen die Menschen in ihre Häuser.
"Nun wird euch armseligen Menschen nichts anderes übrig bleiben als mehr zu Schlafen, und mich in eure Gedanken zu lassen."
Die vier Götter konnten diesen Frevel nicht ungestraft geschehen lassen. Und so schickten sie Tulkas, um dem Unheil ein Ende zu bereiten. Auf dem Rücken eines mächtigen Adlers flog er durch die Lüfte um die Menschen zu retten. Mit einem Tosen brach er durch die dunklen Wolken, sprang kurz vor dem Boden herab vom Rücken - direkt vor Angra Mainyos Füße. Mit kräftiger Stimme sprach er: "Genug Unheil hast du verbreitet. Bei Fere, Quara, Are und Gaja, verlassen sollst du diese Welt!" Angra Mainyo lachte voller Hohn. Mit welcher Waffe hätte Tulkas ihn schon verletzten könne? Tulkas aber nutzte diesen Moment der Unachtsamkeit und stieß sein Schwert mit aller Macht in den Boden, worauf sich eine tiefe Spalte auftat. Dann warf er sein Schwert weit in die Höhe, sodass ein Loch in die dunkel Wolkendecke gerissen wurde. Das durchdringende Licht blendete Angra Mainyos Augen schwer. Blind schlug Angra Mainyo mit seinen Klauen um sich und torkelte auf den Abgrund zu. Mit einem grässlichen Schrei fiel er tiefer und tiefer in den Spalt, der kein Ende zu haben schien. Hinter ihm schloss sich der Spalt des Bodens. Angra Mainyo wurde für immer in die tiefst Finsternis verbannt. Dunkler, als es ihm jemals lieb war. Tulkas holte tief Luft, und blies mit aller Kraft die dunkeln Wolken vom Himmel. Die Sonne mit ihren warmen Strahlen erhellte fortan wieder die Erde und die Gemüter der Menschen. Und diese begannen zu ehren von Tulkas und den Vieren ein großes Fest zu feiern - das Kumbanahera, der Sieg des Lichts über die Dunkelheit.

 

Copyright 2002, Tobias Brinkmann